Das ist Maßarbeit!

Oxford, Derby oder Budapester – wer an Maßschuhe denkt, hat meist den klassischen Herrenschuh vor Augen. Hennemann & Braun kreieren auch ungewöhnliche Damenschuhe.

Autorin Flora Rothe
Fotograf Yves Sucksdorff

Kirstin Hennemann erinnert sich noch ganz genau an den Tag, als sie sich entschied, das Schuhhandwerk zu lernen: „Ich war in Frankfurt einen ganzen Tag lang unterwegs, um passende Schuhe für mich zu finden. Erfolglos, da ich sehr breite Füße habe. Da dachte ich mir: Dann mach ich sie mir eben selbst.“ Gedacht – getan. Hennemann brach ihr Lehramtsstudium ab und begann am Wiesbadener Theater eine Lehre bei einem Maßschuhmacher. Es folgten die Meisterprüfung und eine Anstellung als Orthopädieschuhmacherin in Aachen, bevor sie schließlich 2002 einen eigenen Laden mit Werkstatt in Berlin eröffnete. Dort fand sie 2013 auch ihre heutige Geschäftspartnerin. Gabriele Braun war zu der Zeit eine erfolgreiche, international tätige Unternehmensberaterin und auf der Suche nach einer anderen Art des Arbeitens. Kreativ wollte sie sein, mit ihren Händen etwas erschaffen. Und sie liebt Schuhe. So kam es, dass sie sich bei Hennemann zum Probearbeiten bewarb.

Heute sitzt Braun mit gebeugtem Rücken auf einem kleinen Holzschemel im gemeinsamen Laden in Prenzlauer Berg. Im Schoß hält sie eine sogenannte Brandsohle, an der sie geduldig feilt, raspelt und schneidet. Sie ist das Herzstück eines jeden Schuhs. An ihr wird der Absatz montiert, darüber Leder gezogen und schließlich die Laufsohle befestigt. Vor Braun steht eine in die Jahre gekommene Werkbank, auf der sich verschiedene Hämmer, unterschiedlich große Lochzangen, Feilen, Scheren, Schuhleisten, Stifte und Lederputzmittel türmen, sodass kaum Platz zum Arbeiten bleibt. Und doch entstehen hier die unterschiedlichsten Fußbekleidungen. Von klassischen Herren- und Frauenschuhen über glamouröse Stiefel für die Showbühne, massive Arbeitsschuhe bis hin zu Braut- und filigranen Tanzschuhen – alle für den Fuß maßgeschneidert. Die Tanzschuhe haben Hennemann & Braun für Tom Tykwers Serienprojekt „Babylon Berlin“ hergestellt. „Die Hauptdarstellerin musste innerhalb von zwei Monaten unzählige Tanzszenen drehen. Damit sie das durchhalten konnte, haben wir für sie Tanzschuhe gefertigt, die perfekt an ihrem Fuß saßen und optisch in die 1920er-Jahre passten“, berichtet Braun.

Jeder Fuß ist anders

Unter der Decke des Ladenraums, der zugleich auch Werkstatt ist, hängen rund 600 Schuhleisten aus Holz. Jeder Kunde hat ein oder mehrere eigene Paare davon. Aus tiefen Regalfächern ragen große Lederstücke in den unterschiedlichsten Farben und verbreiten ihren typischen angenehmen Geruch im Raum. Sie stammen vom Wasserbüffel, Kalb, Pferd oder Perlrochen. Exotische Häute von geschützten Tieren lehnen Hennemann & Braun ab. Im Schaufenster und in einer Vitrine stehen einige Schau- und Probestücke. Das ist Maßarbeit! Darunter ein roter Stiefel, den Hennemann 2002 zur Eröffnung ihres Ladens geschustert hatte. „Ein schöner Mix aus historisch und Großstadt-Cowgirl“, kommentiert die 48-Jährige. Daneben steht eine Stiefelette mit langen Troddeln. Ein Probestück. „Das fertige Paar trägt eine Schauspielerin, die sich diese Troddeln gewünscht hat, damit alle auf ihre Beine gucken.“ So hat jeder Schuh seine Geschichte ...

Für die Bühne gemacht: Maßstiefel für Alia Spaceface von der Gruppe Travelin Jack.

Im Trend: Gabriele Braun gefallen in diesem Winter Fransen an den Schuhen.

Nie aus der Mode: Der klassische Budapester wird bei Hennemann & Braun immer wieder nachgefragt.

In einer Ecke, vor neugierigen Blicken geschützt, lädt ein bequemes Sofa zum Sitzen ein. Hier lernen die Maßschuhmacherinnen ihre Kunden kennen und vermessen die Füße. Allein für das Erstgespräch nehmen sie sich eine gute Stunde Zeit. Schließlich müssen sie herausfinden, welche Vorstellungen die Kunden von ihren künftigen Schuhen haben, zu welchem Anlass sie sie tragen wollen und welche Anforderungen die jeweiligen Füße haben. „Jeder Fuß hat eine andere Struktur“, weiß Hennemann. „Der eine ist muskulöser, der andere hat mehr Volumen. Für die einen ist ein Schuh weich, für die anderen hart. Auch ergibt sich je nach Körpergewicht eine andere Belastung für das Material: 150 Kilogramm, die stehen und sich bewegen, wirken sich anders auf den Schuh aus als 60 Kilogramm.“ Idealerweise bringen Kunden ihre Lieblingsschuhe mit. Anhand des in die Brandsohle getretenen Fußbetts können die Maßschuhmacherinnen erkennen, welche Zonen im Schuh besonders belastet werden. Auch Decksohle und Futter zeigen, an welchen Stellen der Schuh überproportional beansprucht wird und wie der Fuß im Schuh „steht“.

Schuhe für die Ewigkeit

Die Liebe zum Leder gehört zum Schuhhandwerk dazu. „Mit Leder arbeitet es sich viel schöner als mit Stoff“, sagt Hennemann, Tochter einer Schneiderin. „Es ist geschmeidig und griffig. Stoff ist im Vergleich dazu regelrecht bockig.“ Doch nicht jedes Leder ist für jeden Schuh geeignet. „Architekten empfehlen wir zum Beispiel Wasserbüffel aus Brandenburg. Dieses Leder ist sehr stabil, unempfindlich und wasserfest. Also gut geeignet, um damit über Baustellen zu laufen. Für klassische Businessschuhe eignet sich dagegen italienisches Kalbsleder. Das hat einen ganz besonderen Glanz, da es mit einem Metallkopf geboxt wird. Dadurch schließen sich die Poren und das Licht wird maximal reflektiert. Für den Theaterpremierenbesuch im Winter wiederum ist Lackleder als Schlangenimitat eine Option. Neben der festlichen Optik ist es auch sehr robust und man kann damit problemlos durch den Schnee laufen.“

„Mit Leder arbeitet es sich viel ­schöner als mit Stoff. Es ist ­geschmeidig und griffig. Stoff ist ­im Vergleich dazu regelrecht bockig.“

Kirstin Hennemann


Und das nicht etwa nur eine Saison lang. „Maßschuhe halten 100 Jahre, wenn Sie wollen“, sagt Hennemann. Das liege nicht nur an der hohen Qualität des Materials und der Verarbeitung, sondern auch daran, dass sie perfekt den Fuß umschließen. „Wenn ein Schuh nicht passt, wird er stärker strapaziert. In der Folge versagt das Material“, erklärt sie. Die exklusive Handarbeit kostet viel Zeit. Mindestens 60 Stunden brauchen die Schuhmacherinnen für ein Paar maßgefertigte und handgearbeitete Schuhe. Die Herstellung umfasst rund 250 Arbeitsschritte. Dreimal wird der Kunde zu einer Anprobe gebeten, bis er nach etwa drei bis vier Monaten seine neuen Schuhe zum ersten Mal tragen kann. Dementsprechend hoch ist der Preis: Eine Damen-Stiefelette kostet zum Beispiel ab 2.200 Euro, ein Herren-Halbschuh ab 2.000 Euro. Der Preis kann jedoch je nach Material und Aufwand deutlich höher werden. Hinzu kommen außerdem einmalig rund 600 Euro für die Herstellung des individuellen Leistens, der immer wieder verwendet werden kann.

Die ehemalige Lehramtsanwärterin und die Unternehmensberaterin – gemeinsam bilden sie ein perfektes Team. Braun konnte bei Hennemann das Handwerk lernen, im Gegenzug entlastet sie ihre Geschäftspartnerin von den administrativen Aufgaben, die ein Unternehmen mit sich bringt. Zusammen entwickeln sie Ideen für die Zukunft, über die sie jedoch noch nicht sprechen wollen. Die Konkurrenz liest mit. Nur in einem Punkt scheiden sich ihre Geister: nämlich wenn es um den Pumps geht. „Der vernünftige Schuhmacher meidet den Pumps wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt einfach zu wenig Material, das den Fuß festhalten kann“, sagt Hennemann – aus ihr spricht die Orthopädieschuhmacherin. Doch Braun, die Unternehmensberaterin und Tüftlerin, will nicht aufgeben: „Ich suche weiter nach der Formel für den perfekten Pumps.“

       

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