Alles auf Gelb

Ohne Ei läuft für William Verpoorten nichts: Pro Tag werden bis zu 1.200.000 frische Eier der Güteklasse A aus Boden- haltung in seiner Firma verarbeitet.

Das Familienunternehmen Verpoorten bleibt sich auch in fünfter Generation treu. Der Lohn: eine eingeschworene Fan-Gemeinde.

Autorin Corinna Zawodniak
Fotograf Maurice Kohl

Wer das Firmengebäude in der Bonner Nordstadt betritt, sieht sofort, worum sich hier alles dreht: das Gelbe vom Ei. Wenn es sich William Verpoorten als alleingeschäftsführender Hauptgesellschafter in fünfter Generation in der Empfangshalle auf dem Ecksofa unter den üppig bestückten Produktpräsentationsregalen bequem macht und entspannt die Arme auf den Lehnen ausbreitet, wird deutlich: In diesem Unternehmen ist einfach alles gelb – das Sofa, die Vertikallamellenvorhänge, die 40 Jahre alten Reklamen in den Bilderrahmen im Treppenhaus, das Kaffeegeschirr im Konferenzraum und natürlich das Starprodukt: der Eierlikör.

Seit mehr als 140 Jahren gibt es das flüssige Gold in Flaschen. Damals erfand Eugen Verpoorten das Rezept, das bis heute unverändert in den Supermarktregalen zu finden ist – und bis auf die Zutaten tagesfrische Eidotter und 20%iger Alkohol geheim bleibt. „Wir haben uns frühzeitig auf ein Produkt spezialisiert, deshalb sind wir heute die Nummer eins in diesem Markt statt die Nummer drei“, sagt William Verpoorten augenzwinkernd. 2003 hat er nach dem Tod seines Vaters Viktor die alleinige Geschäftsführung übernommen. Viele Dinge hat er beibehalten, unter anderem den 60er-Jahre-Slogan „Ei, ei, ei ... Verpoorten“, der inzwischen ungleich bekannter ist als der Schlager „Maria aus Bahia“, von dessen Melodie er abgeleitet wurde. Schritt für Schritt arbeitet Verpoorten seither daran, die Marke zu verjüngen. Die Weisheit „Man muss ständig investieren, um nicht den Anschluss zu verlieren“ lebt er.


Auf Qualitätskontrollen legt Verpoorten viel Wert, sowohl bei den Rohzutaten als auch während der Produktion. Die Überwachung durch das hauseigene Labor gehen über den International Featured Standard Food (IFS) hinaus.

Frische Eier als Qualitätsmerkmal

Nach zeitweisen Produktionen in Berlin und Straubing ist seit 1994 Bonn der einzige Abfüllort mit circa 100 Mitarbeitern. Von hier aus geht es in über 30 Länder, vor allem in die an Deutschland angrenzenden Staaten, aber auch bis nach Japan und Südafrika. Herzstück der Produktion ist die Eieraufschlagmaschine. Im Vorjahr erst hat das Unternehmen in eine neue Spezialanlage aus Italien investiert. „Da kommt schnell ein siebenstelliger Betrag zusammen“, seufzt Verpoorten. „Wir könnten theoretisch auch fertig aufgeschlagene Eier als Vorprodukt verwenden. Das tun wir aber nicht, denn über die Eidotter als unsere Hauptzutat möchten wir besondere Kontrolle haben. Dies sind wir mit unserem Markenprodukt dem Konsumenten gegenüber schuldig.“

Bis zu fünf Lkws mit einer Ladung von jeweils 300.000 Eiern kommen pro Tag auf der Verladestraße an. Damit sie so frisch wie möglich sind, hat das Unternehmen rund 15 feste Lieferanten aus dem Umland. 150 Eier pro Lieferung wandern zur Untersuchung ins Labor, das nach IFS Food zertifiziert ist. „Hier wird Qualitätssicherung auf höchstem Niveau praktiziert“, berichtet Verpoorten stolz. Dort werden die Eier gewogen, auf einer Glasplatte aufgeschlagen und genau untersucht. Analysen der Eiklarhöhe ergeben, wie frisch das Ei tatsächlich ist.

„Unsere Messergebnisse geben bessere Anhaltspunkte als das Legedatum. Grob gesagt gilt: je gallertartiger das Eiklar, umso frischer das Ei“, erklärt der promovierte Chemiker Bastian Rode, Leiter der Qualitätssicherung. „Mit der Frische geht einher, dass das Eigelb nicht so schnell zerreißt – das ist wichtig für das saubere Trennen von Eigelb und Eiweiß.“ Erst wenn die umfangreichen Untersuchungsergebnisse zur Analyse der einwandfreien Qualität vorliegen, wird die Lieferung für die Produktion freigegeben.

Auf den Dotter kommt es an

Selbst die Dotterfarbe bestimmen seine Laborkollegen anhand einer Farbtabelle, damit der spätere Likör den gewohnt mattgelben Farbton hat. Denn Farbstoffe sind für Verpoorten tabu, ebenso wie Konservierungsmittel oder andere Zusätze. Das Eiweiß wird als wertvolles Nebenprodukt in veredelter Form weiterverkauft – an das Konditoren- und Süßwarenhandwerk, die Baiser und Füllungen für Schokoküsse daraus machen. Auch Eiweißpulver für die Industrie ist ein Nebenprodukt.

Die Zusammensetzung des fertigen Likörs wird eng überwacht, damit die geheime Familienrezeptur auch wirklich stimmt. Schon Abweichungen beispielsweise des Zuckergehaltes um wenige Milligramm spüren die hochmodernen Geräte auf. „Das machen wir laufend, um im Zweifelsfall direkt in der Produktion nachsteuern zu können“, erklärt Rode. Neben der Qualitätskontrolle steht die Entwicklung neuer Produkte im Fokus. Insbesondere in der gerade zurückliegenden Weihnachtszeit haben er und William Verpoorten viele Rezepturen ausprobiert.

So ist man seit vielen Jahren auf dem Bonner Weihnachtsmarkt mit einem eigenen Stand und darüber hinaus bundesweit über Standbetreiber vertreten“, so der Inhaber. Was ursprünglich als Praxisprojekt für die eigenen Auszubildenden gedacht war, hat sich als Besuchermagnet entpuppt und eine neue Produktlinie hervorgebracht: „Unser ‚Verpoorten Punsch‘ ist eine Kreation aus Verpoorten Original, Weißwein und würzig-fruchtiger Note. Ihm wurde kürzlich der Kaffeepunsch Verpoortoccino neu zur Seite gestellt.“

Aber auch Rezepturen für Lizenzprodukte entwickelt das hauseigene Lebensmittellabor, zum Beispiel Füllungen für Pralinen, Desserts, Eiscremes und Torten. Die Rezepturen mit Verpoorten Original werden an die kooperierenden Hersteller weitergegeben, damit sie in der jeweiligen Produktionslinie Berücksichtigung finden. Das Hauptprodukt selbst gibt es abgefüllt in zahlreichen Flaschengrößen, um die unterschiedlichen Vertriebspartner entsprechend bedienen zu können.


Der Gelbton des Eidotters wird am Farbfächer bestimmt. Denn davon hängt auch die Produktfarbe des fertigen Likörs ab – und diese soll möglichst gleich bleiben. Auch deshalb setzt Verpoorten auf angestammte Lieferanten.

Erst die Damen, dann die Herren

Verpoorten weiß: 80 Prozent seiner Käufer sind weiblich. „Hat unsere Flasche es erst mal nach Hause geschafft, sind aber 40 Prozent der Konsumenten männlich“, verrät er. „Bei vielen weckt der Eierlikör Erinnerungen an die gute alte Zeit. Als sie bei Oma auf dem Schoß gesessen und heimlich an der gelben Nascherei genippt haben.“ So profitiert das Produkt vom Rückbesinnungstrend auf die Familie. „Wir sind kein Sprit, kein Feuerwasser, sondern ein leckerer Genuss.“ Der Verantwortung als Hersteller eines alkoholischen Getränks ist sich Verpoorten dennoch bewusst. Er engagiert sich im Präsidium des Bundesverbands der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure für Aufklärungskampagnen im Umgang mit alkoholhaltigen Genussmitteln. Auch in weiteren Verbänden und in Beiräten von Genussmittelproduzenten ist er aktiv.

Cocktailmixen statt Staubansetzen

Die Marketingaktivitäten des Familienunternehmens konzentrieren sich seit einigen Jahren auf die Zielgruppe zwischen 25 und 39 Jahren. „Wer älter ist, kauft uns entweder bereits oder ist nicht mehr zu überzeugen“, glaubt Verpoorten. Seit 2005 vermarktet das Unternehmen die Idee, mit seiner Spirituose Mixgetränke selbst zu kreieren. Die TV-Spots mit Konsumenten, die unvermutet einen Verpoorten-Cocktail in die Hand gedrückt bekommen und spontan ihre Überraschung kundtun, sind inzwischen ebenso Kult wie die gesamte Marke. Und sie scheinen zu wirken: Die Firma freut sich über eine sehr aktive Community, die auf Facebook, in Foren und auf der Website Rezepte und Tipps austauscht. Die besten schaffen es auf die Homepage sowie als QR-Code auf die Flaschen. „Wir sind eine aktuelle Marke, nicht verstaubt. Keine andere Markenspirituose hat eine derartige Verwendungsvielfalt zu bieten. Dies belegt auf eindrucksvolle Art unser Rezept-Content mit kreativen Ideen“, so Verpoorten. Dass die Kindheitserinnerungen von William Verpoorten ebenfalls vom gelben Likör geprägt sind, versteht sich. „Wenn ein gelbes Firmenauto bei uns zu Hause vorfuhr, sagte Mutter immer: ‚Das gehört auch dem Papa‘, erinnert er sich. „An Weihnachten war die Krippe erst komplett, wenn neben den Stalltieren eine Flasche Verpoorten Original stand.“ Dass seine Geschwister andere Wege gegangen sind, sei normal. „Vater als Segler sagte immer: Es kann nur einer am Steuer stehen.“

© Verpoortoccino der VERPOORTEN GmbH & Co. KG

Krimi? Nicht ohne Eierlikör!

Die nachfolgende Generation bereitet sich darauf vor, dieses Steuer zu übernehmen. Sohn und Tochter haben ihr Studium abgeschlossen und sammeln derzeit in anderen Firmen Erfahrungen in Marketing, Pressearbeit und Vertrieb. „Natürlich möchte ich gerne das Unternehmen florierend an die sechste Generation übergeben“, sagt Verpoorten. Vor allem seine Tochter orientiere sich bereits in Richtung Genussmittelbranche. „Aber man muss realistisch sein und sich fragen: Wer hat die Lust, die Überzeugung und das Zeug dazu? Schließlich ist die Spirituosenbranche ein Haifischbecken: Mehr als 50 Prozent des Spirituosenangebotes sind Importe.“ Trendgetränke wie Gin und ausländische Kräuterliköre machten den deutschen Traditionsherstellern Konkurrenz. Das lässt ihn auch in der Freizeit nicht los: „Im Supermarkt interessiere ich mich immer für die Spirituosenregale und schaue, wo und wie unsere Produkte platziert sind. Darüber hinaus mache ich mir gerne vor Ort ein Bild, welche Aktionen der Einzelhandel gerade fährt, welche Spirituosen in Szene gesetzt sind.“

Satt hat Verpoorten sein Getränk auf keinen Fall. Nach dem Essen im Restaurant bestellt er selbstverständlich einen „Verpoorten Coffee Shooter“ – Espresso im Glas geschichtet mit seinem Eierlikör und Milchschaum. Daheim steht die Flasche immer griffbereit im Kühlschrank. Zum Krimi am Abend gehören für ihn Schokolade und ein kleines gelbes Glas dazu. „Man muss Geschichten erzählen“, sagt Verpoorten. Neue hat er bereits im Sinn: zum Beispiel von der Abstammung der Likörrezeptur von Avocados, dem Superfood des Jahres.

Avocadoersatzgetränk – so fing alles an

Die Kolonialfahrer kosteten bei den Tupi-Guarani-Indianern am Amazonas in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Brasilien ein Getränk aus Avocados, das ihnen fortan nicht mehr aus dem Kopf ging. Die Portugiesen verfeinerten es dann mit Rohrzucker und weißem Rum. Doch alle Versuche, im 17. Jahrhundert das Rezept auch in der Heimat umzusetzen, misslangen: Der Avocadobaum wollte nicht gedeihen. 1876 erfand Eugen Verpoorten in Heinsberg am Niederrhein seine Rezeptur, bei der Eigelb die Avocado ersetzte – der Eierlikör war geboren. Bis heute ist das Rezept Basis für den „gelben Klassiker“.

       

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