Starke Schwestern

 Ein Blick in die Kindheit von Viktoria Delius-Trillsch (links) und Verena Pausder zeigt: Der heutige Erfolg der Schwestern kommt nicht von ungefähr. Schon beim Mittagessen im Elternhaus war das Geschäftliche immer Thema.

Statt in das elterliche Unternehmen in zehnter Generation einzusteigen, erobern Verena Pausder und Viktoria Delius-Trillsch die Start-up-Szene.

Autorin Corinna Zawodniak
Fotograf Yves Sucksdorff

Sobald die Kamera aus ist, feixen sie herum – machen Späße und genießen die Zeit, die sie zusammen verbringen können. Denn so oft, wie sie es sich wünschen, schaffen es die Schwestern Verena Pausder (38) und Viktoria Delius-Trillsch (35) nicht, sich zu sehen. In der Zwischenzeit behelfen sie sich täglich mit Facetime, plaudern über Alltag und Kinder und lassen immer wieder ein weiteres gemeinsames Thema einfließen: das Geschäft.

Genauer gesagt: die Geschäfte. Denn beide sind erfolgreiche Unternehmerinnen. Pausder ist Gründerin des Kinder-App-Entwicklers Fox & Sheep in Berlin, den sie vor drei Jahren an den Spielwarenhersteller Haba verkauft hat und seither als Geschäftsführerin leitet. Zudem hält sie Beteiligungen an zehn weiteren Unternehmen. Delius-Trillsch ist Mitinhaberin der Hamburger Finanz-Eventagentur rehblau, organisiert unter anderem den Private Banking Kongress. Jüngst hat sie mit zwei Partnern eine CoDesign Factory aus der Taufe gehoben, die Top-Unternehmer, Gründer und Social Media Stars mit individuellen Teams in große Konzerne sowie mittelständische Betriebe schickt, um gemeinsam mit dem Kunden innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Dass beide Gründerinnen geworden sind, ist kein Zufall: Sie haben das unternehmerische Denken mit der Muttermilch aufgesaugt. Sie entstammen der Bielefelder Textil-Dynastie Delius. Ihr Vater Rudolf Delius führt das Familienunternehmen zusammen mit seinem Cousin Friedrich-Wilhelm Delius in neunter Generation.

„Unser Vater kam mittags immer um Punkt 13 Uhr nach Hause. Dann hat er die Börsennachrichten im Radio eingeschaltet und wir mussten fünf Minuten leise sein. Beim Mittagessen hat er stapelweise Papiere gesichtet und mit unserer Mutter durchgesprochen“, erinnert sich Delius-Trillsch. „Unsere Mutter leitete ein Inneneinrichtungsunternehmen, unser Zuhause bestand aus Showrooms. Heute leitet sie einen Raumausstattungsbetrieb, der europaweit Hotels ausstattet“, ergänzt Pausder. Eine Trennung von Geschäft und Privatleben? „Undenkbar in unserer Familie! Bis heute“, so Delius-Trillsch. „An Weihnachten, wenn die Familie zusammenkommt, oder im Familienurlaub wird immer mindestens ein Abend freigehalten, um übers Geschäftliche zu reden.“ Reihum erzählt jeder von seinen Plänen und Herausforderungen. „Meist kristallisiert sich schnell heraus, wer gerade die härteste Nuss hat, und dann konzentrieren sich alle darauf“, lacht Pausder.

Zwei Sichtweisen vereinen sich im Erfolg

Der Rat der anderen sei jedem Familienmitglied sehr wichtig. „Niemand gibt mir so ungefilterte und ehrliche Kritik wie meine Schwester. Und wahrscheinlich würde ich sie auch von niemandem so annehmen wie von ihr“, sagt Pausder. Delius-Trillsch nickt zustimmend: „Wir ticken ganz unterschiedlich, das macht die Sichtweise der anderen so wertvoll. Verena springt sofort, mit dem Kopf voran, in jedes Becken. Ich denke erst nach und wäge die Risiken ab, bevor ich ins Wasser gehe. Sie hat viel Tatkraft und kommt deshalb in kurzer Zeit weiter als ich mit meiner Vorsicht.“ Pausder erwidert: „Aber wenn das Becken leer ist, stoße ich mir gehörig den Kopf, das ist auch schon passiert.“

Auch der Vater nimmt den Rat der Töchter regelmäßig in Anspruch. „Er ist klassisch in der Old Economy unterwegs und immer neugierig, was in der Berliner Digitalszene gerade passiert“, erzählt Pausder. „Er ist sehr aufgeschlossen gegenüber neuer Technik und hat das Unternehmen bereits für die Zukunft aufgestellt.“ Die Delius-Gruppe stellt unter anderem Hightechstoffe für Sicherheitswesten oder Airbags her. Wenn es um Strukturen und Mitarbeiterführung geht, gebe ihm die jüngere Tochter Impulse, die Ältere sei bei Wertsteigerungen gefragt. „Ich sehe Dinge: Ideen und Zahlen. Du siehst Menschen: Kunden und Mitarbeiter. Beide Sichtweisen zusammen bringen Erfolg“, fasst Pausder an die Schwester gewandt zusammen.

Neue Wege statt Fokussierung aufs Familienerbe

„Mein Vater hat mich nie gedrängt, das Unternehmen zu übernehmen, sondern mich immer ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen.“
Verena Pausder, Gründerin Fox & Sheep

Die Schwestern denken permanent Entwicklungsmöglichkeiten für die Geschäfte der anderen mit. Auch das väterliche Unternehmen tragen sie im Herzen bei sich. Aktiv in die zehnte Generation der Delius-Führung eingestiegen sind sie trotzdem nicht. „Mein Vater hat mich nie gedrängt, das Unternehmen zu übernehmen, sondern mich immer ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen. Er selbst war schon mit 26 so eng ins Familienunternehmen eingebunden, dass er über andere Optionen nicht einmal nachdenken konnte. Das hat er mir erspart.“ Aktuell geht es um die Nachfolgefrage in der fast 300 Jahre alten Firma. „Unser Vater und Onkel werden in den kommenden Jahren aus der operativen Geschäftsführung ausscheiden. Wir suchen nach einem externen Geschäftsführer und die Familie wird das Unternehmen im Beirat begleiten“, so Pausder.

Als sie mit 22 Jahren das Controlling- und Finanz-Studium in St. Gallen abschloss und bei der Münchener Rück anfing, spürte sie trotzdem Erfolgsdruck auf sich lasten. Erst durch einen Misserfolg schwamm sich Pausder frei. „Vom Konzept bin ich heute noch überzeugt, aber wahrscheinlich waren meine mitgründende Kommilitonin und ich damals einfach zu früh dran. Wir wollten ein gesundes Systemgastronomie-Konzept etablieren mit Salaten, die vor den Augen der Kunden frisch und schnell zubereitet werden.“ Das habe es damals in New York oder London gegeben, aber nicht hierzulande. Die Gründerinnen kündigten ihre Jobs, warben 400.000 Euro Risikokapital von externen Geldgebern ein und gaben sich ein Jahr lang Zeit, die Idee umzusetzen. „Als am 31.12. immer noch kein Laden eröffnet war, haben wir das Experiment beendet.“ Sie waren gescheitert, weil sie kein Ladenlokal in Top-Lage gefunden hatten. „Heute bin ich natürlich froh, dass ich nicht in der Gastronomie, sondern in der digitalen Welt gelandet bin“, so Pausder. Aber damals sei es schwer gewesen. „Ich hatte Geld verbrannt und stand wieder am Anfang. Privat ging auch noch meine Beziehung in die Brüche.“ 2006 fing sie im Marketing einer Online-Partnervermittlung an und arbeitete sich zum Director International hoch. Als die ersten iPads auf den Markt kamen, hatte sie die richtige Idee und die passenden Kontakte, um mit einem Geschäftspartner einen Anbieter für Premium-Apps für Kinder zu gründen. Fox & Sheep wurde ein Megaerfolg. Heute ist Pausder eine gefragte Rednerin, wenn es um Zukunftsthemen geht. Sie initiiert Start-up-Netzwerke, engagiert sich für digitale Bildung und gehört unter anderem zu den Young Global Leaders des World Economic Forum.

„Verena springt mit dem Kopf voran ins Becken. Ich wäge die Risiken ab, bevor ich ins Wasser gehe.“
Viktoria Delius-Trillsch, geschäftsführende Gesellschafterin rehblau events

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, sagte unser Großvater“, resümiert Delius-Trillsch. Sie ist stolz auf den Erfolg ihrer Schwester. „Bei mir ging die Karriere mit weniger Höhen und Tiefen voran.“ Das erste gemeinsame Unternehmen mit ihrer Schwester und den Eltern hat sie sehr geprägt. Die Schwestern hatten in New York Sushi-Bars kennengelernt und entschieden mit ihren Eltern, eine Immobilie in der Bielefelder Innenstadt für das neue Trend-Food zu nutzen. „Ich war damals kurz vor dem Abitur, Verena beim Studium in St. Gallen“, erinnert sich Delius-Trillsch. Sie entwarfen ein bezahlbares Ausstattungskonzept und eine Speisekarte, recherchierten Kassensysteme. „Wir haben einen japanischen Sushi-Meister nach Bielefeld geholt und dann ging es los.“ Die ältere Schwester überwachte aus der Ferne die Zahlen, die jüngere leitete nach Schulschluss das Restaurant. Der Laden brummte, der Vater kam täglich mit Geschäftspartnern zum Essen. Nach dem Abitur entschied sich Delius-Trillsch, ihr Wissen zu perfektionieren, und absolvierte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau in Baden-Baden – eine wichtige Grundlage für ihr heutiges Event-Geschäft. „Unsere Eltern haben die Sushi-Bar noch drei Jahre weitergeführt, aber allein mit Angestellten lohnte sie leider nicht mehr.“

Die nächste Generation denkt schon mit

Heute geben die Schwestern selbst ihr unternehmerisches Denken an die nächste Generation weiter. „Bei mir ist es genau wie früher zu Hause. Beim Abendessen dreht es sich oft ums Geschäft, denn mein Mann ist auch Start-up-Unternehmer“, gibt Pausder zu, die mit vier Kindern (9, 7, 5 Jahre, 7 Monate) in Berlin wohnt. Delius-Trillsch, die mit Mann und Nachwuchs (6 und 4) in München lebt, hält es etwas anders: „Bis 16 Uhr ist ganz klar Geschäftszeit, danach schalte ich ab und bin ganz Mama. Über das Geschäft reden wir bei einem Glas Rotwein, wenn die Kinder im Bett sind.“ Die Sprösslinge geben Impulse zurück, indem sie allesamt fleißig neue Apps testen. Ob sie später in eines der Unternehmen ihrer Mütter oder in die Delius-Gruppe einsteigen oder aber völlig neue Ideen umsetzen, steht natürlich noch in den Sternen. Aktuell stehen Tischtennisprofi, Hoteltester und Busfahrerin oben auf der Liste ihrer Traumberufe.

       

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