Was uns wichtig ist

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Die Werte der Menschen haben sich innerhalb von zwei Jahren erstaunlich gewandelt – auf Spurensuche im ­Seelenleben der Deutschen.

Autorin Annkathrin Frind    
Illustration Lorena Addotto

Der einzige Knoten, den Brian Trautman noch vor zehn Jahren beherrschte, war der Krawattenknoten. So lange ist es mittlerweile her, dass der ehemalige Microsoft-Manager in Seattle alles hinter sich ließ und mit der Hochseejacht „SV Delos“ – einer 16 Meter langen Amel Super Maramu – in See stach. 

Als er den Törn um die Welt begann, ahnte der heute Anfang 40-Jährige noch nicht, dass er irgendwann einen der erfolgreichsten Segel-Videoblogs bei Youtube betreiben würde. Das stressige Leben eines IT-Beraters im Takt von Konferenzen tauschte Trautman gegen das eines Abenteurers, den nur die Gesetze der Natur leiten.

Die Sehnsucht nach der Natur bewegt immer mehr Menschen – auch in Deutschland. Etwa Christine Thürmer. Die ehemalige Unternehmenssaniererin krempelte auf einer Wanderung entlang der US-Westküste ihr Leben um. Heute ist Thürmer als Langstreckenwanderin bekannt, hat weltweit knapp 40.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt und gilt als meistgewanderte Deutsche. „Die Kombination aus Frischluft und körperlicher Bewegung ist für mich die Quelle meines Wohlbefindens und Glücks“, sagte sie der „Welt“.

Natur, Gesundheit und Familie führen Werte-Rangliste an

Diese ehemaligen Führungskräfte aus der Wirtschaft sind Beispiele für einen gesellschaftlichen Trend, den eine breit angelegte Studie bestätigt. Die Meinungsforscher von Kantar TNS und des Trendbüros ergründen mit dem „Werte-Index“ alle zwei Jahre die Befindlichkeiten der Deutschen.

Dabei kamen sie 2018 zu einem überraschenden Ergebnis: Der Wert „Natur“ schafft es unter allen Sehnsüchten auf den vordersten Rang – kletterte innerhalb von zwei Jahren von Platz vier auf Platz eins und verdrängt damit die „Gesundheit“ auf den zweiten Platz. Auch der Wert „Familie“ verbessert sich um drei Positionen auf den dritten Rang der Werte-Skala. Zu den Absteigern zählt die „Karriere“.

Peter Wippermann, schwarze Brille, kurze, grau melierte Haare, gehört zu den Trendforschern, die den Deutschen für den „Werte-Index“ in die Seele blicken. Dabei wertet er für insgesamt zehn gesellschaftliche Werte stichprobenartig Beiträge in sozialen Medien aus. 

Facebook, Twitter, Instagram und Blogs durchforstet er danach, wie oft und in welchem Zusammenhang bestimmte Werte in deutscher Sprache diskutiert werden. Anders als bei Umfragen geht es Wippermann dabei ums Beobachten und Zuhören. Rund vier Millionen virtuelle Postings, Tweets, Fotos und Kommentare helfen ihm zu verstehen, was den Menschen über alle Generationen hinweg wirklich wichtig ist.

Werte und Tugenden, Sehnsüchte und Wünsche der Menschen haben sich immer wieder verschoben. Doch was steckt hinter diesem jüngsten Wertewandel? Gleich mehrere Studien zeigen inzwischen, wie deutlich sich die Prioritäten der Bürger in den vergangenen Jahren verändert haben.

„Die Natur hat an Wert gewonnen, weil wir immer mehr im Virtuellen zu Hause sind“, erklärt Trendforscher Wippermann. Und je mehr digitalisiert und vernetzt werde, desto mehr sehnten sich die Menschen nach Realität und Dingen zum Anfassen. 

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Fünf Minuten im Wald senken den Stresspegel und stärken das Selbstwertgefühl

Die Natur werde daher, heißt es in der Studie, in den sozialen Netzwerken „als Quelle für Seelenfrieden und Kraft“ beschrieben. So widmen sich die analysierten Beiträge vor allem der „Natur als Sehnsuchtsort“. Auf Fotos fungiere die Natur als Ziel, an dem man „sich selbst und seine Verbindung zur Welt spürt“, erläutert Wippermann. 

Ob Wald und Wiese, Meer und Strand, See und Berge: Kaum etwas eignet sich so gut zum Abschalten und Auftanken wie ein Ausflug in die Natur. Er macht den Kopf frei, erfrischt und belebt. Dass die Zeit an der frischen Luft gesund für Körper und Geist ist, weiß Rainer Brämer. „Waldspaziergänge sind lustbesetzt“, erklärt der Natur- und Wanderforscher an der Universität Marburg. Es handle sich um „keine verordnete oder auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtete Aktivität“. 

Dabei ist ein ausgiebiger Waldspaziergang weit mehr als reine Entspannung, wirkt er sich laut einer britischen Studie doch positiv auf Herz, Immunsystem und Psyche aus. Gerade die Waldluft tut dem Herz-Kreislauf-System gut. Die Forscher fanden heraus, dass schon nach fünf Minuten im Wald der Stresspegel sinkt und das Selbstwertgefühl steigt. Die Wirkung verstärke sich, wenn auf dem Weg ein See liegt oder ein Bach dahinplätschert. 

Daher zieht es auch von Stress geplagte Unternehmer und Führungskräfte verstärkt in die Natur. Entlang des idyllischen Bonner Rheinufers geht Telekom-Chef Timotheus Höttges morgens joggen. Twitter-Gründer Jack Dorsey verbringt fast jede freie Minute an der frischen Luft, verriet er auf einer Tech-Konferenz. Jeden Samstag gehe er wandern.

Auch Deutschlands größter Online-Händler Michael Otto macht, wann immer es der Chefposten in Hamburg zulässt, Wanderungen im Salzkammergut. Traditionell verbringt Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Sommerurlaub in Südtirol, um dort mit ihrem Ehemann Joachim Sauer zu wandern. Damit sind sie Teil einer großen Bewegung. 

Immer mehr Menschen schnüren ihre Wanderstiefel und begeben sich zum Beispiel auf eine Trekking-Tour entlang des Trans Canada Trail oder vorbei an Vulkanen auf dem Hokkaido Nature Trail in Japan. Fotos und Videos in den sozialen Netzwerken zeugen von der zunehmenden Lust an der Bewegung in der Natur. 

Amazon-Chef Jeff Bezos hat diesen Trend aufgegriffen und grüne Landschaften in den Arbeitsalltag seiner Mitarbeiter integriert. Der US-Online-Händler hat nahe der Zentrale in Seattle ein neues Gebäude nach Vorbild eines Gewächshauses mit einem Wasserfall und tropischen Pflanzen bauen lassen. 

Neben dem Spitzenreiter „Natur“ rücken im „Werte-Index“ auch benachbarte Werte in den Mittelpunkt. Die „Gesundheit“ behält mit dem zweiten Rang einen überragenden Stellenwert in der Gesellschaft. Gesundes Leben – etwa durch Sport, Entspannung und ausgewogene Ernährung – entspricht dem Zeitgeist einer stetig wachsenden Gruppe. Auch die mentale Fitness ist den Deutschen wichtiger denn je. 

Der Mehrheit der Menschen gehe es dabei um die Frage „Wie geht es mir damit?“, erklärt Trendforscher Wippermann. Die Leute wollten zufriedener und glücklicher sein statt schneller und besser. „Self-Coaching“ nennen das Experten. Der Einzelne wolle wissen, wie es ihm gehe. Neue Technik kann dabei unterstützen. Geräte zur Aufzeichnung der Körperfunktionen, zum Beispiel Wearables wie Smartwatches und Apps auf dem Smartphone, begleiten inzwischen nicht nur die Joggingrunde, sondern auch den Schlaf. 

Darüber hinaus gewinnt die geistige Einstellung, die „neue Achtsamkeit“, an Bedeutung. Zu dieser Einschätzung gelangen die Anthropologinnen Janine Seitz und Verena Muntschick. Unter dem Begriff verstehen die Forscherinnen, dass Menschen äußere Eindrücke ausblenden, um sich in einem Moment des Innehaltens darauf zu besinnen, was ihnen guttut.

So horchen immer mehr Menschen regelmäßig beim Yoga in sich hinein. Inzwischen praktizieren hierzulande rund 2,6 Millionen Menschen die ganzheitliche Bewegungspraxis. In den USA im Silicon Valley räumen Manager des Softwareunternehmens Adobe Mitarbeitern regelmäßig Ruhepausen im Büro ein. Gemeinsam meditieren die Kollegen vor einer Fototapete mit Waldmotiv. 

Das Gehirn braucht Zeiten des Nichtstuns

Neurologen kommen zu der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn solche Zeiten des Nichtstuns braucht. Ein gewisser Leerlauf im Kopf sei für die geistige Regeneration notwendig. Ebenso in puncto gesunde Ernährung nimmt die Achtsamkeit in der Bevölkerung zu. Der Umsatz mit Biolebensmitteln hat sich in den Jahren 2000 bis heute mehr als vervierfacht, wie der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft herausgefunden hat. 

Genügend Zeit mit Partner und Kindern ist der Mehrheit der Deutschen wichtiger denn je. So kletterte der Wert „Familie“ im „Werte-Index“ 2018 vom sechsten auf den dritten Rang. Es seien vor allem Rituale mit der Familie in Text und Bild, die in sozialen Medien geradezu zelebriert würden, analysiert Trendforscher Wippermann. 

Da postet die Oma auf Facebook Fotos, auf denen sie mit dem Enkel auf dem Spielplatz Sandburgen baut, oder die junge Mutter, die in ihrem Blog die Netzcommunity am Kindergeburtstag der Tochter teilhaben lässt und neben Familienfotos auch das Kuchenrezept veröffentlicht.

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Die Wirtschaftselite nimmt sich Zeit für die Familie

Adidas-Chef Kasper Rorsted, verheiratet und vierfacher Vater, befolgt für ein harmonisches Familienleben eine goldene Regel: Spätestens um 19 Uhr mache er Feierabend, wenn er keine Veranstaltung am Abend habe, wie er im Wirtschaftsbuch „Elitenreport“ erzählt. Nur das, was für den Unternehmenserfolg des Sportartikelherstellers relevant sei, tue er. „Ich kann keine Familie mit vier Kindern haben, 160 Tage im Jahr unterwegs sein und dann am Samstag Kontakte auf dem Golfplatz pflegen – das tue ich nicht.“ In seinem Terminkalender vermerkt er, wann er seine Kinder zu Bett bringt. 

Melanie Kreis ist als Finanzchefin der Deutschen Post eine der wenigen Frauen in einem Dax-Vorstand. Dabei habe sie immer versucht, Karriere und Familie miteinander zu vereinbaren, sagt die Mutter zweier Töchter. Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland, arbeitet nur vier Tage in der Woche in der Konzernzentrale in Düsseldorf. Einen Tag verbringt er bei seiner Frau und den beiden Töchtern in München. „Die Familie ist ein wichtiger Teil in meinem Leben, sagte er dem „Focus“, „und was einem wichtig ist, dafür muss man sich Zeit nehmen.“

Wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, entscheiden sich immer mehr Deutsche eher für das private Glück – und schrauben Karrierepläne bisweilen zurück. So stürzte der Wert „Erfolg“ 2018 im „Werte-Index“ regelrecht ab – vom dritten auf den sechsten Rang. „Es gibt ein Umdenken“, bestätigt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. 

Insbesondere für junge Leute ist eine Karriere im Topmanagement nicht mehr erstrebenswert. Auf Geld, Macht und Statussymbole, wonach ihre Eltern und Großeltern der Wirtschaftswunder-Generation noch strebten, legen sie immer weniger Wert. Stattdessen nutzen sie die Vorteile der Sharing Economy: Sie mieten sich ein Auto oder ein Fahrrad bei Anbietern wie „Drive Now“ oder „Call a Bike“ und übernachten in einer über Airbnb vermittelten Wohnung.

Für die Wirtschaft könnte der Trend zu weniger Karriere und Erfolg negative Konsequenzen haben. Unternehmen reagieren bereits auf die ersten Anzeichen dieses Wertewandels, weil sie auch in Zukunft talentierte Arbeitskräfte brauchen. Diverse Trainings und flexible Arbeitszeitmodelle sollen Mitarbeitern, die keine Führungskraft im Vollzeitjob sein möchten, dennoch eine Perspektive im Konzern geben. 

Schließlich wollen sie nicht dieselbe Erfahrung machen wie einst Microsoft mit Brian Trautman. Seitdem er seinen Lebenstraum verwirklicht, mit Freunden um die Welt zu segeln, muss der IT-Konzern auf einen erfahrenen Manager verzichten.  

       

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