Die Weisheit der Masse

Unternehmen machen sich kollektives Wissen zunutze. Doch die Methode hat Grenzen. Forscher zeigen: Schwarmintelligenz kann sich selbst austricksen.

Autoren Flora Rothe, Jan Wittenbrink

Ameisen sind nicht in der Lage, Entfernungen zu beurteilen. Gemeinsam finden sie dennoch den kürzesten Weg zur Futterstelle. Vogelschwärme fliegen auf Langstre­ckenflügen in einer aerodynamisch optimierten V-Form. Dadurch kommt der Schwarm deutlich schneller an sein Ziel. Doch über den Luftwider­stand wissen Vögel natürlich nichts. Auch Fernsehzuschauer von Günther Jauchs Show „Wer wird Millionär?“ werden regelmäßig Zeuge kollektiver Intelligenz: In der Regel ist das Pub­likum im Studio gemeinsam schlauer als der einzelne Kandidat. Statistisch haben sie zu 91 Prozent Recht.

Kein Wunder also, dass der Begriff „Schwarmintelligenz“ in den letzten Jahren in Mode gekommen ist. Im Zuge dessen spannen Unternehmen zunehmend Kunden für Produkt­verbesserungen ein. Crowdsourcing nennt sich die Methode, bei der Unter­nehmen und Institutionen die Krea­tivität vieler nutzen, um Ideen zu generieren – ein Innovationsprozess, den die sozialen Medien im Internet eröffnet haben. BMW hat zum Beispiel 2010 ein Co-Creation Lab gegründet, eine virtuelle Plattform für innovative Köpfe, die an Automobilthemen interessiert sind und ihre Ideen mit dem Automobilhersteller teilen möchten. Volkswagen sammelte 2011 in seinem „People's Car Project“ die Wünsche der Chinesen zur Fahrzeuggestaltung und erhielt 130.000 Einsendungen. Einige Anregungen wurden umgesetzt. Andere Unternehmen wie Beiersdorf gehen statt in der breiten Kundschaft in einer Community aus Forschern und Entwicklern auf Ideensuche.

Der Konsenswille ist das Problem

Der Gedanke dahinter: Je mehr Menschen über Innovationen nach­denken, desto höher ist nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit die Chance, dass dabei auch eine sehr gute Idee heraus kommt. Das Parade­beispiel für die Nutzung von Schwarm­intelligenz sind Unternehmen aus dem Silicon Valley. Bei Apple, Facebook oder Google rotieren die Mitarbeiter, um ihr Blickfeld zu erweitern. „Die sind dann ein Jahr hier, ein Jahr da, nehmen ihr Wissen mit und nutzen es neu. Daraus entstehen zwangsläufig Innovationen“, schwärmt Innovations­psychologe Christoph Burkhardt, der selbst im Silicon Valley lebt und arbeitet. Eine solche Vernetzung innovativer Köpfe sei heute wichtiger denn je. Selbst wenn am Ende dann trotzdem oft ein Einzelner die letzte Entscheidung trifft.

Doch es gibt auch Skeptiker, die die Schwarmintelligenz der Menschen be­zweifeln. Die Eidgenössische Techni­sche Hochschule (ETH) Zürich forscht seit langem zur Weisheit der Massen. Ein Ergebnis ihrer Studien ist: Men­schen neigen dazu, ihre Meinung der der Mehrheit anzupassen. Der Konsens, der dabei entsteht, kann allerdings auch ein schlechter sein. Dies lässt sich laut Dirk Helbing, Professor für Sozio­logie an der ETH, in vielen Bereichen beobachten, sei es auf dem Finanz­markt oder in politischen Gremien. Er erklärt diesen Effekt mit dem Herden­trieb der Menschen. Helbings Empfeh­lung: „Um die Weisheit der vielen nutzen zu können, muss die Informa­tions- und Lösungssuche voneinander unbeeinflusst vonstattengehen.“

       

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