Hollywood? Klingt nach Mainz

Pierre Langer und Tilman Sillescu haben es bis in die Traumfabrik geschafft. Sie zählen zu den weltweit größten Produzenten von Musik und Soundeffekten für Videospiele und Filme.

Autorin Flora Rothe
Fotograf Dominik Pietsch

„Wir haben eine Zeit lang fast jedes deutsche Computer­spiel vertont.“
Pierre Langer

Als Student der klassischen Musik am Mainzer Konser­vatorium wurde Pierre Langer schnell klar, dass er mit seiner großen Leidenschaft, dem Gitarrespielen, nicht seinen Lebensunterhalt würde verdienen können. Darum wollte er nach dem Diplom noch „etwas Richtiges“ studieren: Informatik. Doch dazu kam es nie. Er wurde auch so erfolgreich – mit Musik.

Alles begann vor 17 Jahren mit dem Anruf eines Bekannten, der gerade ein Computerspiel entwickelte und ihn bat, dafür ein Musikstück zu komponieren. Langer war damals, Ende der 1990er-Jahre, daran beteiligt, die Abteilung „Neue Medien der Musik“ am Mainzer Konservatorium mit aufzubauen, und hatte bereits Erfahrungen mit Tonauf­nahmen und Musikproduktion am Computer. Also sagte er zu und fragte seinen heutigen Geschäftspartner, Tilman Sillescu, der am Konservatorium Jazzgitarre, Arran­gement und Notensatz lehrte, ob er nicht mitmachen wolle. Das Spiel kam nie auf den Markt. Aber das gemeinsame Komponieren zu Hause am Küchentisch hatte ihnen großen Spaß gemacht.

Musik bringt Magie ins Computerspiel

Bald darauf lernte Langer in einem Webforum für deutsche Spieleentwickler jemand kennen, der einen Musiker für Computerspiele suchte. Das Studio befand sich um die Ecke in Ingelheim am Rhein. „Komm doch einfach mal vorbei“, meinte der Entwickler. Sein Name war Volker Wertich, Erfinder der „Siedler“-Reihe – heute ein Urgestein der deutschen Entwicklerszene. Von ihm bekam das Duo den Auftrag, die Musik für das Computerspiel „SpellForce“ und später „SpellForce 2“ zu schreiben, das verschiedene Elemente aus Echtzeit-Strategiespiel, Rollenspiel und Fantasy verbindet. „Wir haben damals ganz viel über die Spieleentwicklung gelernt“, erinnert sich Langer. War die Musik für Computerspiele bis dahin am PC programmiert worden, komponierten Langer und Sillescu für „SpellForce 2“ zwei Stunden Musik und nahmen sie mit einem Staats­orchester auf. Das hatte es zuvor nicht gegeben und sollte die Gamesbranche revolutionieren. „Mit 70 Interpreten bekommt Musik etwas Magisches“, schwärmt Langer. „Sie wird viel lebendiger, verfügt über zahlreiche subtile Bewegungen und Variationen. Vor allem bei Fantasy­ spielen spielt die Atmosphäre eine wichtige Rolle.“

Verkaufen, was sonst keiner verkauft

Die Leidenschaft hatte Langer und Sillescu gepackt. „Lass uns verkaufen, was sonst keiner verkauft“, sagten sie sich und gründeten die Dynamedion GbR, um ihre Dienst­leistung als Komponisten und Sounddesigner professionell anzubieten. Mit Erfolg. Nur zwei Jahre brauchte es und Dynamedion hatte die Vormachtstellung auf dem nationalen Game-Audio-Markt inne. „Wir haben eine Zeit lang fast jedes deutsche Computerspiel vertont“, berichtet Langer.

Bald folgten Aufträge für internationale Film- und TV­-Produktionen sowie für Kinotrailer von Hollywood-Block­bustern wie „Der Hobbit“ oder „Die Avengers“. Nach und nach zog sich Langer aus der kreativen Arbeit zurück. Sein letztes Stück schrieb er vor rund zehn Jahren für das Computerspiel „Die Siedler 6“. Stattdessen übernahm er Projektleitung, Marketing, Werbung, die Kundenakquise und die Finanzen.

Geräuschesammeln als zusätzliches Standbein

Die Finanzkrise 2009 brachte die jungen Unternehmer zwar nicht in Schwierigkeiten, aber zum Nachdenken. Sie entschieden sich, ihre Firma breiter aufzustellen und eine Klangdatenbank aufzubauen. So gründeten sie die BOOM Library GbR. Zu diesem Zeitpunkt gab es laut Langer nur zwei große Anbieter auf dem Markt und die waren auf Filmproduktionen spezialisiert. „Für Spiele braucht es aber ganz andere Geräusche wie zum Beispiel von Drachen oder anderen Fantasiekreationen – und die in unendlich vielen Variationen, passend zur jeweiligen Spielsituation“, erzählt Langer. Er und Sillescu hatten eine weitere Nische gefun­den. Für das neue Unternehmen nahmen sie mit Axel Rohrbach einen weiteren Partner mit ins Team, der die kreative Leitung übernahm – ein Geschäftskonzept, das die beiden bis heute verfolgen. In ihren inzwischen fünf Unternehmen beschäftigen sie gerade mal fünf Fest­angestellte. Dafür haben sie mittlerweile zehn ehemalige Mitarbeiter zu festen Partnern gemacht. Im kreativen Bereich arbeiten Langer und Sillescu dagegen ausschließ­lich mit Freelancern zusammen. „Die Herausforderung dabei ist, dass trotzdem alle zusammen ein Team sind.“

Die BOOM Library startete das Duo „mit 10.000 Euro und ganz viel Arbeitskraft“. Inzwischen verkauft das Unterneh­men Geräusche und Klänge an Kunden in 120 Ländern, darunter Videospiel-, TV- und Filmproduktionen. Mit 54 Kollektionen ist die BOOM Library heute die zweitgrößte Soundeffektdatenbank der Welt.

Doch bei diesem einen Ableger blieb es nicht: 2015 gründeten Langer und Sillescu die Eins Medien GmbH, die für ihre Firmen und Kunden sämtliche gewerblichen Medienproduktionen übernimmt wie zum Beispiel die Konzeption von State-of-the-Art­ Spots, Trailern und Imagefilmen. Die jüngste Tochter der Firmengruppe ist schließlich die TuneSat GmbH, die die Interessen von Komponisten sowie Lizenznehmern vertritt und weltweit Urheberrechtsverletzungen verfolgt. Viele Musiker verdoppeln oder verdreifachen auf diese Weise laut Langer ihre Tantiemeneinnahmen.

Orchester auf Knopfdruck

Aktuell arbeiten Langer und Sillescu unter ihrem jüngsten Label Sonuscore an einer neuartigen Software, mit der Komponisten ihre Produktionen am Computer von einem echten Orchester spielen lassen können. Auch dafür wurden alle Instrumente live aufgenommen, kein Ton synthetisch produziert. „Die Qualität liegt in der Perfektion“, erklärt Langer. „Wir nehmen nicht nur jeden einzelnen Akkord von jedem Instrument auf, sondern auch Übergänge und Variationen, damit das Musikstück am Ende so klingt, als sei es tatsächlich von einem Orchester gespielt worden.“

Dem 39-jährigen Langer gehen die Ideen für neue Ge­schäftsfelder nicht aus. „Ich denke, ich habe ein beson­deres Gespür für Trends und kommerzielle Gelegenheiten“, sagt er ohne falsche Bescheidenheit. Gerade hat die immer weiter wachsende Firmengruppe eine Audio-Software­-Firma aus den USA übernommen. „Die strategischen Entscheidungen machen mir am meisten Spaß“, verrät Langer. „Mal sehen, was draus wird.“

       

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