Halbe Kraft voraus? Geht nicht

MS Artania

Städtereisenanbieter, Orientspezialist, Kreuz­fahrtexperte und Fernsehstar – Phoenix Reisen aus Bonn schafft es immer wieder, sich neu zu erfinden. Und pfeift auf Marketing.

Autorin Corinna Zawodniak

Johannes Zurnieden hätte den Na­menspatron für sein Unternehmen 1973 kaum besser wählen können: Phoenix. Wie der gleichnamige Vogel aus der antiken Mythologie, der stirbt und wiederaufersteht, hat der Bonner nie am einmal Erreichten festgehalten. Durch mutige Entscheidungen hat er immer wieder einen neuen Kurs eingeschlagen, wenn sich die Gelegen­heit bot. Schon als junger Gründer tat Zurnieden, was kaum jemand erwartete: Er hängte seine Psychologie-­ und Jura-Studiengänge an den Nagel und verschrieb sich der Tourismus­branche. Diese kannte er nur von einem Nebenjob bei einem Zeitungs­verlag, als er mit 23 Jahren begann, Städtereisen anzubieten. Prag, Budapest und Istanbul waren die ersten Ziele. „Ich habe alles aus einer Hand offeriert – Visum, Flug, Hotel, Reiseleitung, Stadtrundfahrt“, erzählt Zurnieden. Mit Erfolg: Schnell wuchs das Unternehmen, auch Ziele an Küsten kamen hinzu. Wer Ende der 1970er-Jahre in die Türkei wollte, kam an Phoenix Flugreisen nicht vorbei.

Früh auf Erfolgskurs

Doch dann vollzog Zurnieden 1988 eine Kehrtwende: „Ich hörte, dass das bekannte Schiff Maxim Gorki zu char­tern war. Eine Freundin sagte zu mir: ,Das musst du machen!ʹ Ich antwortete: ,Aber wir heißen Phoenix Flugreisen.ʹ“ Noch dazu lag Bonn weit entfernt vom Meer. Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt: Zurnieden charterte das Schiff, strich den Zusatz  „Flug“ aus dem Namen und betrat neues Terrain. Heute hat er eine Flotte von vier Hochsee- und an die 50 Flussfahrt­schiffen mit einem Jahresumsatz von mehr als 300 Millionen Euro.

Eher spontan stieg Johannes Zurnieden ins Kreuzfahrtgeschäft ein und charterte die TS Maxim Gorki.

Zurnieden hat ein Gespür dafür, wann es sich lohnt, die Segel zu setzen oder abzudrehen und zu neuen Ufern aufzubrechen: „Wenn ein Reiseziel zum Nachahmerprodukt geworden ist und  jeder Veranstalter es anbietet, ist es für uns nicht mehr attraktiv.“ Phoenix versteht sich nicht als Massen­anbieter, sondern als Reiseveranstalter mit Leib und Seele. Darum konkurriert das Unternehmen nicht mit Branchen­riesen wie AIDA oder MSC. „Vom generellen Kreuzfahrttrend profitieren wir natürlich. Und davon, dass die Großen Vorurteile gegen Kreuzfahrten abbauen helfen“, bekennt er. „Grundsätzlich sprechen wir aber eine andere Klientel an: Auf unseren Schiffen finden Sie keine Riesenrut­sche. Eislaufen an Deck im August im Mittelmeer? Das braucht keiner.“

Für Zurnieden gilt: „Das Ziel ist das Ziel: Landschaften, Städte.

Nicht: Das Schiff ist das Ziel. Wir bieten dennoch kleine, edle Fitnessbereiche, Shows und Top-Essen.“ Den Trend zum Megaliner mit mehr als 6.000 Betten geht er nicht mit, sondern sticht mit maximal 1.200 Passagieren in See. „Eine gewisse Größe ist nötig, um wirtschaftlich zu sein. Ein Platten­bau lässt sich auch effizienter betreiben als ein Einfamilienhaus. Anspruchs­volle Gäste wünschen aber eine persönliche Atmosphäre.“ Das hat seinen Preis:  „Wir  sind sicher nicht die Billigsten der Branche.“

Im Trend: ungewöhnliche Routen

Statt auf Gigantismus und Spaß­industrie setzt Phoenix Reisen auf immer neue Routen mit ungewöhn­lichen Stopps. Vorteil der kleineren Schiffe: Sie können Häfen ansteuern, die für Megaliner schlicht zu klein sind. „Zum Beispiel die estnische Insel Ösel oder das finnische Kotka. Für diese Ostsee-Route haben wir kürzlich den Kreuzfahrt Guide Award erhalten.“ Das lockt vor allem erfah­rene Kreuzfahrer, die schon vieles gesehen haben. Die jährlich 180.000 Passagiere von Phoenix Reisen schätzen zudem, dass die Bordspra­che Deutsch ist und eine Vielzahl von Leistungen im Preis enthalten sind.

Quelle: Statista-Umfrage Kreuzfahrten 2017

Zwar hat Phoenix Reisen alle Schiffe gechartert, agiert aber wie ein Eigen­tümer und investiert  frühzeitig. „Das ist wie bei einem alten Haus: Man muss es pflegen, aber es lohnt sich“, erklärt Zurnieden. „Neue Maschinen kosten einiges, bringen aber einen geringeren Spritverbrauch und weniger Vibrationen. Also Vorteile für Kosten, Umwelt und Komfort.“

Sparsam ist Zurnieden an anderer Stelle: beim Marketing. Seine Reisen sind bei Phoenix Reisen selbst, im Reisebüro, über klassische Reise­kataloge oder das Internet zu buchen. Werbebanner, Printanzeigen oder Fernsehspots? Fehlanzeige. „Unsere Kunden kommen auch so. Und machen die beste authentische Werbung durch Weiterempfehlung. Ein Marketingbudget würde vor allem eins: den Reisepreis verteuern.“

Das TV-Marketing hat von selbst zu Phoenix Reisen gefunden. „Ganz ohne unser Zutun“, so Zurnieden. Das Fernsehen fährt regelmäßig mit. Seit 2016 ist die MS Amadea das Traumschiff der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie. Regelmäßig sind auch die Phoenix­ Hochseeliner MS Albatros und MS Artania in der Kreuzfahrt-Dokuserie der ARD „Verrückt nach Meer“ zu sehen. Zu Beginn waren drei Folgen geplant, inzwischen sind es mehr als 270. Die Serie ist Kult geworden und mit ihr Phoenix-Reisen-Kapitän Morten Hansen und seine Crew. Das Geheimnis? Zurnieden zuckt die Achseln. „Wir greifen nicht ein.“ Die Leute sollen sehen, wie eine Kreuz­fahrt ist, ganz authentisch. „In einer der ersten Folgen gab es einen Wasserrohrbruch an Bord. Die Kameraleute fragten, ob sie das filmen dürften. Und wir haben gesagt: ,Natürlich, so ist das auf hoher See. Das passiert.ʹ“

Beliebt: Flusskreuzfahrten

Seit 2016 setzt die ARD mit dem neuen Format „Verrückt nach Fluss“ nach. Denn auch Flusskreuzfahrten sind im Trend: Bei Phoenix sind sechs von zehn Passagieren auf Flüssen unterwegs, vornehmlich noch die ältere Zielgruppe. Hochsaison für die Phoenix Flusskreuzfahrten ist der Dezember. Bei feinem Essen geht es von einer vorweihnachtlichen Stadt zur nächsten. Aber auch exotische Flüsse wie Amazonas, Mekong, Nil und Wolga sind im Programm, ergänzt um attraktive Kultur- und Badereisen an Land.

Unter den 100 Mitarbeitern in der Bonner Zentrale hat Zurnieden mit Benjamin Krumpen schon seinen Nachfolger gefunden. Der hat bereits neben der Schule bei Phoenix Reisen gejobbt, war als Reiseleiter auf See unterwegs und ist mit Ende 30 als Geschäftsführer mehr als die rechte Hand des Chefs. Auch der dritte Geschäftsführer im Bunde, Jörg Kramer, ist seit Jahrzehnten Vertrauter von Zurnieden.

Privat ist Zurnieden am liebsten auf seinem Segelboot unterwegs, vom holländischen Friesland bricht er zu Törns auf. Aber auch auf den großen Schiffen ist er regelmäßig an Bord, lieber in nordischen als in sonnigen Gefilden. Die nächste große Reise ist schon anderthalb Jahre im Voraus gebucht: mit der Amadea 38 Tage nach Island, Grönland und Kanada.

       

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