Ein Leben für die Orgel

Philipp Klais führt in Bonn eine der angesehensten Orgelmanufakturen weltweit. Das Unternehmen ist das perfekte Beispiel für einen Hidden Champion: erfolgreich, langlebig, traditionsbewusst.

Autor Markus Weßel-Therhorn
Fotograf Maurice Kohl

In den Werkstätten mitten in der Bonner Innenstadt riecht es nach Sägespänen, Leder, Leim und Öl. An den Wänden hängen große Heiligengemälde, wie sie sonst nur in Kirchen und Museen zu sehen sind. Philipp Klais geht durch seine Arbeitsstätte, als wäre sie sein Wohnzimmer. Kein Wunder: Hier hat der Orgelbauer einen Großteil seiner Kindheit verbracht. „Wir arbeiten in den schönsten Räumen der Welt und wir bauen etwas, was nicht nur Jahre und Jahrzehnte, sondern sogar Jahrhunderte überdauern kann“, schwärmt der 51-Jährige.

Klais führt die Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG. Seine Instrumente stehen im Bonner Münster, im Kölner Dom, aber auch in London, Zaragoza, Sankt Petersburg, Buenos Aires bis hin zu Kyoto und Peking. Eine seiner jüngsten und spektakulärsten Neuschöpfungen ist die Konzertorgel für den großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Das Familienunternehmen beschäftigt rund 65 Angestellte und durchschnittlich 14 Auszubildende. 1882 hatte sich sein Urgroßvater Johannes Klais mit der Orgelmanufaktur selbstständig gemacht. Seitdem ist sie in Familienhand.

Orgelbauer werden? Bloß nicht!

Eigentlich wollte Klais den Betrieb gar nicht übernehmen. „Ich wollte nicht Orgelbauer werden, die Fußstapfen waren mir zu groß“, erinnert er sich. Dass es dann doch anders kam, lag an einem geschickten Schachzug seines Vaters. Dieser bot seinem einzigen Sohn nach dessen Abitur Ende der 1980er-Jahre an, als Montagelehrling mit nach Australien zu kommen. Dort hatte das Queensland Cultural Center in Brisbane den Vater mit einer Orgel beauftragt. „Montagelehrling an der subtropischen Ostküste von Australien – da gibt es Schlimmeres“, befand der Sohn. Philipp Klais kam mit und das besiegelte sein Schicksal.

 

„Ich möchte Orgeln bauen, die die Menschen heute und in Zukunft erreichen.“

Philipp Klais

Vor dem Bau kommt das Konzept. Die Orgel muss in die Raumsituation integriert werden.

 

Klais lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern direkt neben der Werkstatt. „Wenn man ein Loch in die richtige Wand schlagen würde, stünde man bei uns in der Küche“, sagt er lachend. Er will es nicht anders. „Wir sind eine Familienwerkstatt. Mit unseren Mitarbeitern verbindet uns mehr als nur ein Arbeitsvertrag.“ 

Seine Ausbildung begann Klais wie sein Urgroßvater im französischen Elsass. Dort verbrachte er den ersten Teil seiner Lehre beim Orgelbauer Mühleisen in Straßburg. Danach wechselte er in den heimischen Betrieb seines Vaters, wo er seine Ausbildung abschloss. „Anfangs habe ich mich um die Bereiche gekümmert, die mich unmittelbar interessiert haben, nämlich Forschung und Entwicklung“, sagt Klais. „Ich wusste, dass ich später dafür nie wieder Zeit haben würde.“

Langer Prozess

Zeit spielt eine große Rolle im Orgelbau. „Es beginnt schon bei der Auswahl und Verarbeitung des Holzes, das zunächst mehrere Jahre lagern muss“, erklärt Klais im Holzlager des Unternehmens. Rund 400 Stämme liegen hier, überwiegend Eiche und Fichte. Aber auch einige Obsthölzer und eine kleine Auswahl harter, dunkler Hölzer wie Ebenholz und Grenadill – „für den Spieltisch, an dem der Organist sitzt“. Nach der Lieferung muss das Holz erst einmal ruhen – pro Zentimeter Bohlenstärke etwa ein Jahr.


Nicht von der Stange: Jede einzelne Pfeife erzeugt einen einzigartigen Ton.

Neben Holz sind Blei und Zinn die wichtigsten Werkstoffe für den Orgelbau. Aus ihnen werden die Pfeifen hergestellt, also der Teil der Orgel, der für den Klang verantwortlich ist. Jede Pfeife kann grundsätzlich nur einen Ton einer bestimmten Klangfarbe und Lautstärke erzeugen. Darum bedarf es so vieler Pfeifen, in größeren Orgeln mehrerer tausend. Die Tonhöhe, Klangfarbe und Lautstärke einer Orgel hängen von der Größe und der Bauart der Pfeifen ab. Sie werden gruppenweise zu einzeln ein- und ausschaltbaren Registern zusammengefasst. Mit ihnen kann der Organist das Klangbild während des Spiels verändern.

Das Material für die Orgelpfeifen lagert im Keller der Manufaktur. In einem Raum von etwa zwei mal drei Metern stapelt sich das Metall hinter einer schweren Eisentür: grobe Barren in stumpfem Silber und Grau. Einmal die Woche verschmilzt der Orgelbauer die Materialien zu einer Legierung. Mithilfe eines Deckenzugs wird die flüssige Mischung in einen Holzkasten gegossen. Durch einen schmalen Schlitz fließt das heiße Metall auf einen langen Tisch und erkaltet dort. Das Ergebnis ist ein dünnes Blech. „Die obere Seite, die Gussseite, wird dann gehobelt und daraus werden die Pfeifen gebaut“, erklärt Klais.

Yuccapalmen in der Werkstatt

Den Anforderungen der Materialien wird konsequent Genüge geleistet. Als Philipp Klais’ Vater 1974 beauftragt wurde, die einzigartige Bambusorgel aus dem philippinischen Las Piñas zu restaurieren, wurde das Instrument nach Bonn gebracht. Da sich Las Piñas und das Rheinland klimatisch jedoch deutlich unterscheiden und das rheinische Klima das Instrument hätte gefährden können, musste das Raumklima im Unternehmen angepasst werden. „Da hatten wir dann für ein halbes Jahr 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und 36 Grad in der Werkstatt“, erinnert sich Klais. „Das war wie in einer Sauna.“ Die Mitarbeiter nutzten die Gelegenheit und brachten ihre Yuccapalmen mit zur Arbeit, um sie dort bei heimischen Temperaturen aufzupäppeln. „Die wachsen bei solchen Bedingungen natürlich super.“

Die Orgeln werden vollständig in der Werkstatt gebaut, dann wieder zerlegt und beim Kunden an Ort und Stelle erneut zusammengesetzt. Das kann selbst bei einer kleinen Orgel vor Ort bis zu vier Wochen dauern. Noch mal so lange braucht es, bis jede Pfeife per Hand richtig eingestellt ist und das Instrument seine volle Klangfülle erreicht hat. Für den optimalen Hörgenuss muss der Orgelmusikliebhaber übrigens nicht unbedingt mittig im Raum sitzen. Stattdessen sollten Zuhörer darauf achten, links und rechts von sich Wände zu haben, die den Klang reflektieren, ohne ihn zu verfälschen.

Zwischen Tradition und Moderne

Was Klais umtreibt, ist das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne. In der Praxis heißt das, zum einen alten Orgeln durch eine fachgerechte Restauration wieder zu ihrem historischen Klang zu verhelfen. Und zum anderen, neue Orgeln zu bauen, die den zeitgenössischen musikalischen und technischen Ansprüchen genügen. „In den vergangenen 200 Jahren ist viel passiert und die Menschen haben sich verändert“, sagt Klais. „Ich möchte Orgeln bauen, die die Menschen heute und in Zukunft erreichen. Menschen haben immer Instrumente geschaffen, die zur Zeit ihrer Herstellung modern waren. Das Schöne ist eben diese Bewegung zwischen Zeit und Raum, die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.“

Die Mischung aus traditionellem Handwerk und moderner Interpretation ist es, die Klais für seinen Beruf begeistert: Architektur, Akustik und Funktion stecken die Grenzen klar ab. Doch es bleibt die kreative Freiheit, das Instrument innerhalb dieser Grenzen immer wieder neu zu erfinden. Das bedeutet auch zu begreifen, in welchem Kontext eine Orgel steht und welche Funktion sie erfüllen soll. Klais sieht die Orgel nicht als neutrales Instrument in einem Vakuum. Sie muss auf die Architektur des Raumes abgestimmt sein, auf ihre Rolle als liturgisches Instrument oder profane Konzertsaalorgel. Ebenso müssen die klimatischen Bedingungen im Umfeld berücksichtigt werden oder auch die jeweilige Landessprache. Denn diese hat laut Klais durchaus Einfluss auf das ästhetische Klangempfinden der Zuhörer. Deshalb ist keine Orgel, die Klais und sein Team bauen, wie die andere.

Zukunft sichern

Pro Jahr verlassen durchschnittlich vier neue Instrumente die Bonner Manufaktur. Sie alle sind für Klais einzigartig und etwas ganz Besonderes. Seit 22 Jahren führt er nun das Familienunternehmen. Und wie sein Vater vor ihm macht auch er sich Gedanken über die Zukunft. Ob eines seiner vier Kinder später seinen Platz einnehmen möchte, weiß er noch nicht. „Ich muss trotzdem jetzt schon die Weichen stellen und gegebenenfalls über alternative Nachfolgeregelungen nachdenken. Gleichzeitig will ich meinen Kindern die Chance offenhalten, das Unternehmen eines Tages zu fortzuführen.“

Die Gründe dafür sind nicht nur pragmatisch. Klais will sicherstellen, dass in seinen Werkstätten auch in Zukunft Instrumente gebaut werden, zu denen der moderne Mensch eine Verbindung findet. Und dafür braucht es immer wieder neue Blickwinkel. „Wir glauben natürlich, innovativ und zukunftsorientiert zu sein. Aber wir sehen, dass die junge Generation ganz andere Ansätze hat. Es ist unheimlich wichtig, dies in den Instrumenten leben zu lassen.“ Und dafür sollen irgendwann einmal auch seine Nachfolger sorgen. „Wir dürfen nie vergessen: Das, was wir tun, tun wir für die Menschen. Nicht zum Selbstzweck.“




Die Königin der Instrumente besuchen 

Rund 50.000 Orgeln gibt es in Deutschland, davon stammen etwa 1.500 aus dem Hause Klais. Hier eine kleine Auswahl, die einen Ausflug lohnt.

Elbphilharmonie in Hamburg
Instrument zum Anfassen: Das Meisterwerk moderner Orgelbaukunst aus dem Hause Klais befindet sich in, neben und hinter den terrassenförmig angeordneten Zuschauerrängen im großen Konzertsaal. Die viermanualige Orgel ist insbesondere auf die Darstellung der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössische Orgelliteratur ausgerichtet.

Kölner Dom
Die Klais-Orgeln des Kölner Doms schaffen eine besonders feierliche Atmosphäre in der weltberühmten Kathedrale. Die dreiteilige Anlage besteht aus der Querhausorgel mit der Opusnummer 1.000, der Langhausorgel in Schwalbennest-Bauweise sowie einem Hochdruckwerk mit zwei Fanfaren-Registern, die besonderen Anlässen vorbehalten sind.

Trierer Dom
Die Orgel aus dem Jahr 1974 erstreckt sich über fünf Stockwerke und stammt ebenfalls aus der Bonner Orgelwerkstatt Johannes Klais. Das Schwalbennest-Design lässt das Instrument förmlich über der Kanzel schweben. Im Fuß der Orgel ist eine Pan-Figur angebracht, die auf Knopfdruck hervorschaut und einige Töne spielt.

St. Peter in München
Die Klais-Orgel in der ältesten Pfarrkirche Münchens wurde 2003 eingeweiht und verfügt über 57 Register und vier Manuale. Ihr dunkles Holz steht in schönem Kontrast zu den hellen Wänden des Gotteshauses. Auch die Chororgel der Kirche stammt aus dem Hause Klais. Sie wurde 2011 eingeweiht.

       

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