So funktioniert Blockchain

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Spätestens seitdem der Markt für Kryptowährungen im vergangenen Jahr um mehr als ein Dreißig­faches gewachsen ist, macht der Begriff die Runde. Seine Bedeutung ist aber für viele immer noch ein Mysterium. Dabei bietet die Technologie für Unternehmen ungeahnte Möglichkeiten.

Autor David Beckmann

Blockchain ist nicht etwa ein Synonym für Kryptowährungen, sondern der Name für die Technologie, die ihnen zugrunde liegt. Sie ist eine Form der sogenannten Distributed-Ledger-Technologie (DLT), das bedeutet auf Deutsch so viel wie „verteiltes Kontobuch“. Die Anwendungsmöglichkeiten dieser Technologie gehen weit über Kryptowährungen und den digitalen Zahlungsverkehr hinaus. „Blockchain kann Unternehmen dabei unterstützen, Prozesse sicherer und effizienter zu gestalten und damit letztendlich Kosten zu sparen“, erklärt Paul Kammerer, Vice President Corporate Strategy und Co-Founder des Blockchain-Labs der Commerzbank, das die Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain für die Commerzbank und ihre Kunden erforscht.

Datenbanken werden in einem virtuellen Netzwerk klassischerweise auf einem zentralen Server abgelegt. Jeder, der die entsprechenden Zugangsrechte dafür hat, kann die Daten einsehen oder auch verändern. Das macht sie anfällig für Manipulationen und Missbrauch durch Netzwerkmitglieder oder auch Cyberangriffe von Außenstehenden. 

Die Blockchain dagegen ist eine Datenbank, die innerhalb eines Netzwerkes dezentral verwaltet wird. Jedes Mitglied verfügt in der Regel über eine vollständige Kopie der Datenbank. Die Inhalte der einzelnen Kopien werden regelmäßig automatisch miteinander abgeglichen. Änderungen müssen von einer kritischen Masse bestätigt werden, beispielsweise von mehr als 50 Prozent der Netzwerkteilnehmer, bevor sie als verifiziert angesehen werden. „Durch die dezentrale Aufbewahrung und Verwaltung der Daten werden sie vor Angriffen von inner- und außerhalb des Netzwerkes geschützt“, so Kammerer. Die Daten, die durch die Technologie sicher verwaltet werden, sind vielfältiger Natur: So können in einer Blockchain Informationen über Zahlungsströme, Eigentums- und Urheberrechte oder auch Echtheitszertifikate gespeichert werden. Mittlerweile werden sogar einfache Verträge abgebildet und komplett automatisiert abgewickelt. „Früher waren Treuhänder, Notare, Clearingstellen oder andere Mittelsmänner für gewisse Geschäftsprozesse unabdingbar, etwa um die Echtheit von Informationen und Daten zu überprüfen. Heute sind sie verzichtbar, ihre Rolle kann durch die Blockchain zunehmend ersetzt werden“, erklärt Michael F. Spitz, Geschäftsführer des main incubators (Forschungs- und Entwicklungseinheit der Commerzbank) und Co-Head des Commerzbank Blockchain-Labs. Der Vorteil der technologischen Lösung: Wo früher Vertrauen in einzelne Personen oder Institutionen notwendig war, schafft heute Technologie Abhilfe.

 

„Durch die dezentrale Aufbewahrung und Verwaltung der Daten in einer Blockchain werden diese vor Angriffen von inner- und außerhalb des Netzwerkes geschützt.“

Paul Kammerer, Vice President Corporate Strategy und Co-Founder des Blockchain-Labs der Commerzbank

 

Die Blockchain in der Praxis 

Während insbesondere die Finanzbranche mit Zusammenschlüssen wie dem R3-Konsortium weltweit aktiv an Anwendungsmöglichkeiten für die Technologie arbeitet, findet diese durchaus auch in anderen Wirtschaftszweigen Beachtung. Laut einer Umfrage des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien sind 55 Prozent aller deutschen Unternehmen der Meinung, dass die Blockchain in Zukunft eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft haben wird. 

Anwendung in Unternehmen

„Für uns ist Trade Finance ein wesentlicher Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Daher beschäftigen wir uns bereits seit zwei Jahren mit den Auswirkungen von Blockchain auf dieses Geschäftsfeld“, erläutert Spitz. Im Weiteren führt er aus: „Wir sind überzeugt, dass die Blockchain-Technologie sehr gut geeignet ist, Abläufe signifikant zu optimieren sowie viele bestehende Probleme wirksam zu adressieren. Diese neuen Lösungswege wollen wir auch unseren Kunden näherbringen. Aktuell verfolgen wir daher drei Projekte in diesem Bereich. Mit Marco Polo und Batavia kooperieren wir jeweils mit anderen Banken, um gemeinsam für unsere Kunden Trade-Finance-Lösungen mit neuen Finanzierungs- und Risikoabsicherungsmöglichkeiten zu entwickeln. In einer Forschungskooperation mit dem Fraunhofer IML erforschen wir, wie sich die ‚Physical Supply Chains‘ bis 2025 mittels neuer Technologien wie Blockchain, Artificial Intelligence (AI), 3D-Druck etc. verändern werden. Bei allen Projekten ist für uns von besonderem Interesse, dass wir die Bankgeschäfte für unsere Kunden einfacher, schneller und besser machen. So können wir auch in Zukunft unseren Kunden einen Mehrwert bieten und auf ihre neuen, veränderten Bedürfnisse eingehen.“

„Besonders effizient ist der Einsatz von Blockchain, wenn sich Unternehmen als Konsortien zusammenschließen, um gemeinsam Prozesse über diese Technologie umzusetzen“, erklärt Kammerer. So könnten Unternehmen mit verschiedenen Dienstleistern und Zulieferern innerhalb eines gemeinsamen DLT-Netzwerkes Zahlungsprozesse, etwa für Warenlieferungen oder andere standardisierte Prozesse, automatisiert abwickeln. Theoretisch könnte auch die gesamte Buchhaltung von Unternehmen automatisiert über eine Blockchain erfolgen und Regulatoren oder Wirtschaftsprüfer darauf Zugriff erhalten. Das könnte das Rechnungswesen und die Finanzberichterstattung für Unternehmen deutlich vereinfachen.

Noch am Anfang

Bislang steckt die Blockchain-Technologie noch in den Kinderschuhen. Nicht verwunderlich, immerhin ist sie gerade einmal rund ein Jahrzehnt alt. Selbst Bitcoin, die „Mutter“ aller Blockchain-Anwendungen, ist noch immer unausgereift. Das 20-köpfige Commerzbank Blockchain-Lab hat sich zur Aufgabe gemacht, die Anwendungsmöglichkeiten zu erforschen und Unternehmen dabei zu unterstützen, die Technologie in die Praxis umzusetzen. „Denn Blockchain bietet uns heute schon Antworten auf Fragen, die es noch zu entdecken gilt“, fasst Kammerer zusammen.

 

Commerzbank erforscht Blockchain-Technologie

Die Commerzbank ist zur Erforschung der Technologie unterschiedlichen Konsortien beigetreten und testet damit verschiedene Formen beziehungsweise Plattformen der Blockchain; unter anderem Corda des R3-Konsortiums, Ethereum im Rahmen der Enterprise Ethereum Foundation und Hyperledge. Seit Sommer 2016 betreibt die Commerzbank mit dem Blockchain-Lab ihre eigene Einheit. 

Rund 20 Experten mit Schwerpunkt auf IT-Entwicklung und Business-Analyse erarbeiten in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Frankfurt und London Blockchainbasierte Lösungen für die Bank und ihre Kunden. Dabei setzt das Team sowohl auf bestehende als auch neuartige Blockchain- und DLT-Technologien.

       

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